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Klaus Dörner in der HU-Berlin

October 24, 2008

Ich war gestern in der HU,im Hauptgebäude unter den Linden 6 sollte Klaus Dörner im Rahmen des Reha-Soziologen-Seminars “Wie hilfreich ist die Hilfe? – Sozialpsychiatrie heute ” über Sozialpsychiatrie -gestern-heute-morgen – was taugt sie? als Theoretiker und Praktiker Auskunft geben. Ich hatte schon vor vier Wochen die Einladung von U. Talke in meinem Emailpostfach – ich habe mich heute nach meinem Dienst dann doch noch dorthin aufgerafft. In der HU war gerade Prominenz mit Polizeieskorte und Sicherheitsmassnahmen in der alma  mater  angekommen ( so wurde der Unizugang etwas kompliziert aber nicht zu lange verzögert, es gibt ja mehrer Eingänge ). Ist es eigentlich heute normal, in der Uni von Sicherheitsangestellten nach seinem Begehren angequatscht zu werden?

Dörner referierte über die historische Aufgabe der Psychiatrie / Psychologie zur Trennung der Gesunden von den Kranken, die im Sinne des technischen und gesellschaftlichen Fortschrittes bis zur stillen Euthanasie in den beiden Weltkriegen des 20. Jhds. ( wenn das Volk opferbereit hungert, lässt man die Verrückten und Alten von Staatswegen  geplant kontingentiert ver-hungern ) von den Nazis in den Kriegsjahren auf die Spitze getrieben wurde.

Dem trennenden Ziel der alten Psychiatrie hat die Psychiatergeneration der neuen Psychiatrie in der BRD das Ziel der Integration in die Gesellschaft  entgegen gesetzt. Schon Anfang der sechziger Jahre wurde dieses Ziel in der Sozialgesetzgebung eingeführt, aber erst Anfang der siebziger Jahre begannen engagierte Mitarbeiter innerhalb der Institutionen, das Ziel der Wiedereingliederung zaghaft und vereinzelt, dann aber mit Verve und Durchsetzungskraft in die Praxis umzusetzen – verrückte Patienten wurden nach Jahrzehnten der Internierung in Schwerpunktkliniken in Heime verbracht.

In den späten achtziger Jahren begann die allmähliche Auflösung der psychiatrischen Chronikerabteilungen und die Verlegung in Heime war der letzte Schrei. In den Neunzigern wurden die Patienten dann in Wohngruppen oder betreutes Einzelwohnen übergeleitet – die Ära der sozialpsychiatrischen, bezirksnahen  Versorgung begann auch in Berlin.

Sozialpsychiatrie bedeutete aber noch mehr, die Klinikabteilungen waren an der Patientenüberleitung und der Schaffung ambulanter Angebote aktiv beteiligt – in Berlin-West gründeten sich schon ab Mitte der siebziger Jahre Trägervereine aus den Universitätsabteilungen von FU- und TU-Berlin heraus, um bezirksnahe Angebote für psychisch kranke Menschen zu entwickeln – die Zeit der Kontakt- und Beratungsstellen wurde initiiert. Der Prozess des „voneinander Lernens“ begann in Gang zu kommen, Dörner et al haben ab 1978  in dem Buch “Irren ist menschlich” eine allgemein verständliche Zustandsbeschreibung dieses Prozesses für Profis, Betroffene und Angehörige abgeliefert.

Gestern hat Dörner in Form von Bekenntnissen (lat. profess) seine eigenen Irrungen aus dieser Zeit selbstkritisch zusammengefasst: Irre Menschen sind nicht nur die Klienten, der Profi ist eigentlich immer in der hoch wahrscheinlichen Situation, sich über den ihm anvertrauten Patient zu irren – eine philosophische Fragestellung, die nur als Prämisse vorgestellt werden konnte – für Studis aber wohl ein hilfreicher Hinweis gegen ein zu hohes Mass an Eitelkeit, dieses Grundproblem mit Hilfe eines rein methodischen Weges beseitigen zu können. Dörner hat in diesem Zusammenhang seine chronische Furcht vor Hilfesuchenden beschrieben, die sich von ihm die eine Problemlösung erhofften  – als sinnvoll erachtete er die Hilfebeziehung mit den widersprüchlichen Aspekten “Profi” und “ratloser Begleiter“ – eben auch “dabei sein”.

Die Veranstaltung war mit ca. 300 Teilnehmern gut besucht. Am Raumeingang vertrieben die Freunde von der Irren-Offensive ihre Zeitschrift Nr. 13, sie verteilten auch ein Flugblatt mit der Forderung “Weg mit den Psychisch-Kranken-Sondergesetzen! Sofort!” – die mir bekannten Krawalloauftritte blieben allerdings aus. In der Veranstaltung meldete sich im letzten Zeitdrittel ein Mensch mit der Frage nach Erfolgsaussichten, über  gerichtliche Kunstfehlerklagen den Psychiatriegeschädigten wenigstens einen geldlichen Anteil an Entschädigung zukommen zu lassen – Dörner schätzte die Erfolgsaussichten dieses Projektes  eher für gering ein, da der Psychiatrie nur über ihr marktwirtschaftliches Interessen beizukommen ist (Schadensersatz wäre nur ein Versicherungsfall). Überhaupt sei der kapitalistisch organisierte Psychiatriemarkt das Hemmnis schlechthin für gesundende Menschen: Wie eine Krake frisst sich der Diagnosenmarkt immer mehr in die Gesellschaft, die Pathologisierung von Alltagsstörungen schafft sich selbst einen schier endlosen Markt.

Aktuell befasst sich Dörner mit Fragen zum bürgerlichen Engagement, speziell die unterschiedlichen Umgehensweisen mit Alten und Behinderten von Kiel bis Berchtesgaden fanden in den letzten Jahren sein Augenmerk. Er hat in den letzten Jahren hunderte Projekte besucht, um sich ein Bild von den unterschiedlichen Umgehensweisen machen zu können. Er setzt auf ein kieznahes Bürgerengagement in kleinen Einheiten. Sozialraumbudgets wären eine Möglichkeit, den reinen Kapitalinteressen der Verbände und Träger etwas entgegen setzen zu können, um eine angemessen Versorgung zu erreichen.

Die Gesellschaft muss sich entscheiden, welche Form von Versorgung Behinderter und Alter sie haben möchte. Diese Diskussion kann aber nur dort sinnvoll geführt werden, wo die Akteure miteinander und nicht nur übereinander reden – in den Kiezen, Dörfern und Stadtteilen können pragmatische Lösungen noch diskutierbar sein, je grösser die entscheidungsfindenden Einheiten sind, umso geringer ist das Verantwortungsgefühl und umso grösser ist somit die Verdrängung.

Die Zivilgesellschaft würde sich dann melden, wenn die Probleme alltäglich deutlich werden, wenn die Hilfebedürftigen und deren Angehörige Lösungen einfordern, die nicht in der Abschiebung in viel zu teure Heime, in Euthanasie oder durch Vereinsamungs- und Nutzlosigkeitsdiskurse  bestehen.

Dörner ist nun 75, seit 12 Jahren geniesst er seinen Ruhestand vom leitenden Klinikdienst in Gütersloh. Er bleibt ein selbstkritischer, unruhiger Geist. Er war über Jahrzehnte Facharzt für Psychiatrie,Prof in Herdecke und Psychotherapeut, der sich kaum auf  den einmal geernteten Lorbeeren ausruhen mochte. Vielmehr reisst er seine einmal gemachten Gewissheiten auch wieder ein, wenn er sich geirrt hat. Und Irren ist menschlich, auf beiden Seiten der Patient-Therapeut-Beziehung.

“Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern” hätte er auch sagen können. Was ist heute und was wird morgen?, das ist viel interessanter – mit einem zwinkernden Rückblick auf die Mühseeligkeiten der Vergangenheit fällt das vielleicht etwas leichter. Dörner ist ein interessanter Impulsgeber für alle helfenden Berufszweige. Er ist aber auch Historiker und Arzt mit einem ideenreichen Verbreitungsinteresse auch gegen den Strom der Verbände.

Zum Schluss noch
Ein Buchtipp zum Enthospitalisierungsthema: Ende der Veranstaltung.
Im Gespräch mit Klaus Dörner: “Der Andere ist immer jemand, der absolut ist” Interview von Axel Föller-Mancini und Jens Heisterkamp als PDF (Text auch hier: Interview_Doerner )

references:
Intarsien einer Weglaufhausdebatte: Selbststigmatisierung

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