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Solschenizyn – Nachleese

August 7, 2008

Einige nachträgliche Gedanken zu Alexander Issajewitsch Solschenizyn 1918-2008.

Sein Werk “Archipel Gulag”, die literarische Anatomie der stalinistischen Konzentrationslager,ist wirkungsgeschichtlich ein unbestrittener Meilenstein der russischen – und Weltliteratur. Was darauf noch von Solschenizyn folgte – resp. was eben nicht von ihm behandelt wurde, ist eine Aneinanderreihung von Enttäuschungen. Ich habe mich ehrlich gesagt nach der Gulag Lektüre mit Solschenizyns weiteren Werken kaum mehr intensiver befasst. Im Rahmen der Recherchen der letzten 48 Stunden fügt sich allerdings ein wenig schmeichelhaftes Bild über Solschenizyns politisches Weltbild zusammen. Von moralischen Instanzen will ich schon ganricht reden, dafür sind andere Fakultäten zuständig.

Weder zur Charta 77 in der ehemaligen CSSR noch zur Solidarnosc-Bewegung in Polen gibt es nennesnwerte positive Bezüge des russischen Literaten. Als Salman Rushdie vom iranischen Ayatollah Chomeini wegen der “Satanischen Verse” mit der Todesfatwa belegt wurde, weigerte sich Solschenizyn, die Rushdie solidarische PEN-Initiative mitzutragen, sein Lamento galt damals eher dem Respekt religiöser Empfindungen – davon können heutige Appeaser des Iran/Islamismus auch noch etwas lernen – mit anderen Worten: Rushdies Bedrohung war ihm völlig egal. Seine Akzeptanz der islamischen Todesstrafe der Irren aus Teheran – sie sind nicht erst seit Achmadinedschad auf ihrem menschenverachtenden Trip, seit 1979 sind die Mullahs ganz klar mit ihren bizarren Schariah-Anforderungen aufgetreten – war dann auch das Ende des Nobelpreisträgers im internationalen PEN-Zentrum.

Anne Appelbaum titelt ihre Nachbetrachtungen zum Tode Sloschenizyns mit “Scribe of the gulag” , sie kolportiert auch, Sartre habe den Nobelpreisträger in den siebziger Jahren als “dangorous-element” eingestuft – wie er das auch immer genau meinte, im Nachgang erweist sich diese Einschätzung als zutreffend. Solschenizyn hat sich mit seinen antiquierten Vorstellungen von “Mütterchen Russland” im Schosse der orthodoxen Metropoliten, mit Milchkannen über morastigen Tundraboden watschelnd jeglicher emanzipatorischer,westlicher oder gar liberaler Anschlussfähigkeit enthoben – er wollte diesen Anschluss selbst wohl eh nie vollziehen, aber es sollte in Zeiten wieder aufkommender antikommunistischen Reflexe betont werden, bevor liberal denkende Menschen sich alleine an dem Label Antikommunismus bei Solschenizyn erfreuen, ohne mit zu denken,welche reaktionären Ideologien sie im Falle dieses Literaten mit ins 21. Jahrhundert pushen . Die letzte literarisch-historische Glanzleistung des Verstorbenen hat der Lindwurm in seinem Blog “Solschenizyns andere Seite” behandelt.

Solschenizyns Gleichgültigkeiten gegenüber dem Schicksal von Schriftstellerkollegen und den Befreiungsbewegungen in den ehemaligen Warschauer Paktstaaten ist auch ein Hinweis auf seine traumatisierte Fixierung auf (das bolschewisierte) Russland – das seiner Familie und auch ihm alle Previlegien entriss – das “Schwarzbuch des Kommunismus” ist vollgestopft mit Anekdoten aus dieser Schreckenszeit.

Im von Putin und Medwedev gestifteten Pantheon ist Solschenizyn dann wohl garnicht so falsch aufgeboben.

PS:

Nach meinem ganzen Geschimpfe habe ich doch noch eine bedenkenswerte Position von Solschenizyn im Blog Daniel L. Schikora gefunden :

In diametralem Gegensatz zu der Verherrlichung des “militärischen Humanismus” der Neuen Nato, die “Neue Philosophen” wie Glucksmann und Lévy mit einstigen prosowjetischen “Friedensfreunden” Westeuropas vereinte, stand die kompromißlose Ablehnung des Rechtsbruchs der grundlosen Bombardierung Jugoslawiens im Frühjahr 1999 durch Solschenizyn, der unmißverständlich Partei für die Opfer des natoistischen Rechtsnihilismus ergriff:(…)

Eine Position,die sicherlich als integraler Bestandteil der internationalen Interessen Russlands auf dem Balkan zu behandeln ist. Böse Zungen behaupten ja,die Jugoslawienkriege in den Neunzigern dienten der Schwächung sowjetischer Einflussgebiete,die sich dann EU und die USA einverleiben wollten. Spätestens mit der Zerklüftung der serbischen Landkarte ist dieses Ziel erreicht worden,Russland hat dort keine strategischen Partner mit Meereszugang zur Adria mehr. Dass Milosevich,Karadzij und Mladij das garantieren sollten, ist auch eine einzige Peinlichkeit der russischen Einflussnahme. Damit keine Zweifel aufkommen:Die EU mit ihren UCK-Horden war auch nicht viel besser aufgestellt. Ethnische- und religiöse Vertreibung und Mord hatten beide Fraktionen auf ihre Fahnen geschrieben.

references:
Solschenizyn no one knows
SPIEGEL- Interview

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