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Irre

July 22, 2008

Es geht diesmal nicht um die Antipsychiatrie, sondern um zwei zeitgeschichtlich personelle Phänomene.

Da ist zum einen Silberlocke (Titanic-Label) aka Karadzic,ein nationalistischer Führer der Serben,der in den 90igern tausende von Bosniaken im kriegsgeschüttelten ex-Jugoslawien ermorden und vertreiben liess. Es ist wohl nur eine Fussnote,dass dieser Mann im bürgerlichen Leben Kinderbuchautor und Psychiater war.

Die aktuelle Titanic-Online-Redaktion hat zur Feier des Tages poetisches vom ehemaligen Serbenführer hervorgekramt:

[22.07.2008]
Karadzic am Dienstag
Die Heimkehrer

Wir sind an das Ende der Welt gelangt
Vor das letzte Haus
Das still vor sich hinaltert.

Laßt uns wieder
Das uralte Feuer entfachen
Breiten wir aus
Das Schafsfell der Liebe
Und unser kindliches Spiel.

Doch das Haus läßt niemand herein.
Im Innern sind
Asthma und Alter
Der graue Star hat die Fenster getrübt.

Wir sind allein
Wir und ein wenig Liebe.
Nirgendwo Feuer
Außer das in der Hölle,
Unter einem Himmel der still vor sich hinaltert.

Crna bajka (Die schwarze Fabel), 1990

Mehr Infos auch bei Paule von nbfs.

Ein ganz anderes Kaliber war der Schauspieler Klaus Kinski. Die Generation der um 1900 geborenen Familiengliederungen hielten den Mann von Anfang an für einen perversen,durchgeknallten Geisteskranken.Ich hörte seine Gedichtinterpretationen von Villon und Rimbaud via Langspielplatte,las seine biografischen Sentenzen in “Ich war so wild nach deinem Erdbeermund” und seine Abrechnung mit dem Christentum “Jesus Kristus Erlöser” in meiner Jugend mit grossem Wohlwollen – wie Kerouac, Burrooghs und Denton Welsh auch.Es war eine kurzweilige Befassung,gekleidet in die Hoffnung,dem normativen Kreislauf von “birth,schooö,work,death” doch noch irgendwie entkommen zu können.

Anfang der 80iger trat Klaus Kinski in diversen Talk-Shows auf, er hatte diese aufgeplusterte, blond-weissgrauen Pilskopffrisur und trug vornehmlich weisse Klamotten.In einer dieser unsäglichen Fernsehrunden trat er mit zwei KZ-Überlebenden auf,die von ihren Foltererfahrungen unter den Nazis im 3. Reich berichteten. An eine Sequenz erinnere ich mich noch sehr genau: Das Ehepaar berichtete von einer ganz perfiden Erniedrigung durch die Nazis,die KZ-Gefangenen mussten Urin trinken,der Ekel und das erinnernde Grauen stand den beiden älteren Menschen ins Gesicht geschrieben.Klaus Kinski konterte: “Pisse kann auch gut schmecken”,er habe das auch schon probiert,das sei alles nur eine Frage der Perspektive. Von da an änderte sich meine Einschätzung über Kisnki,egal was das Motiv für diese brüske Einlassung gewesen sein mag,das war ein Provokationsniveau,wie es von Nazis erwartbar gewesen wäre. Die Platten habe ich schon lange nicht mehr in meinem Besitz und seine Texte verstauben im Regal,die Christenschmähung kam unlängst wieder ins Kino und die BZ aus Berlin beförderte heute diese Nachricht unter das Westberliner Lesevolk:

Home > Berlin

Psycho-Akte Kinski

● Er vergötterte seine Ärztin als Wiedergeburt der Mutter
● Als sie ihn abwies, rastete er aus und würgte sie im Wahn
● Er trank geklautes Morphium, wollte sich umbringen. Einweisung

Tomas Kittan

Schauspieler Klaus KinskiGenialer Schauspieler und Psychopath: Klaus Kinski (1926–1991)

Wie dicht liegen Genie und Wahnsinn zusammen? Wer Klaus Kinski erlebte, stellte sich unweigerlich diese Frage. Taucht da einer mit unheimlicher Verwandlungskunst in eine Rolle? Oder beherrscht die Rolle sein wahres Leben?

Erstmals wurden jetzt Kinskis Krankenakten aus der Karl-Bonhoeffer Nervenklinik veröffentlicht. Diagnose: Psychopath. Die Unterlagen gehören zu über 90.000 Patienten-Akten, die gestern von den Vivantes-Kliniken an das Landesarchiv übergeben wurden.

Kinski (18.10.1926–23.11.1991) ist da als Klaus Nakschinski bzw. Nakszynski geführt – so der bürgerliche Name des Edgar-Wallace-Bösewichts.

Es begann 1949: Wegen psychischer Probleme begibt er sich bei der Berliner Ärztin Milena Bösenberg in Behandlung. Er vergöttert die 47-jährige Medizinerin, weil sie seiner bei einem Luftangriff im Krieg gestorbenen Mutter (damals 42) so ähnlich sah. Er kommt immer öfter. Zu oft.

Die Akte Klaus KinskiDie Akte Klaus Kinski, der eigentlich Nakschinski hieß

Befund: „Klaus Kinski ist gemeingefährlich“

Die Ärztin distanziert sich von ihm. Am 5. September 1950 bekommt der 23-jährige Kinski bei ihr einen Tobsuchtsanfall. Er zertrümmert ihre Kücheneinrichtung. Dann würgt er die Ärztin. Dabei ruft er: „Du Hure“.

Mit Tabletten will er sich umbringen. Doch im Medikamentenschrank von Milena Bösenberg findet er nur Morphium. Er klaut drei Pullen und trinkt sie wie Schnaps. Jetzt steht er völlig neben sich, ruft die Polizei und verlangt, dass man die Ärztin abholt, weil sie verrückt sei. Die Beamten erkennen seinen kritischen Zustand, nehmen ihn mit.

Aus dem Protokoll der Akte: „Ein Transport mittels Autodroschke ist erforderlich.“ In den Wittenauer Heilstätten (später die von den Berliner Bonnies Ranch genannte Karl-Bonhoeffer Nervenklinik) gab’s dann den Befund: psychopathische Persönlichkeitsstörung. Ein Arzt empfiehlt wegen „Gemeingefährlichkeit“ eine längere Einweisung in eine Nervenklinik.

Doch offenbar kommt Kinski wieder zu sich, bereut und entschuldigt sich bei Frau Doktor. Dann jammert er den Ärzten vor: „Für mich ist das hier wie Zuchthaus.“ Am 8. September 1950 wird er entlassen.

references:
Nix ist sicher vor der Presse

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