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Der Aufbau Verlag und der Che von Kassel

June 29, 2008

In meiner Schulzeit gab es noch die Lernmittelfreiheit,alle für den Unterricht erforderlichen Bücher wurden von den Schulen zur Verfügung gestellt.Der Bestand war teilweise sehr alt und abgenutzt,die Lehrer nutzten ab der Sek I immer häufiger den Kopierer,wir Schüler mussten immer öfter einen Ovolus für die Kopien entrichten – eine indirekte Aushöhlung der Lernmittelfreiheit,die in den höheren Schulen schon nicht mehr bestand,dort sollten zumindest für die LK eigene Bücher erworben werden – der Bestand der Schulbibliothek war um mindestens 10 Jahre hinter dem wissenschaftlichen Fortschritt zurückgeblieben.

Meine ersten Aktenordner entstanden so gegen Ende der 70iger Jahre.Aus den Verlagen der DDR kaufte ich schon damals regelmässig Bücher für die naturwissenschaftliche Facher,mathematische Tabellenwerke und die Klassiker – hier bekam man ein gut ausgestattetes gebundenes Buch von Schiller,Heine oder Büchner zum Preis eines Taschenbuches im Westen. Die MEW-Bände aus dem Dietz-Verlag waren meine kritische Gegenlektüre zu den Geschichtsbüchern im Westen,mit den Marx’schen Thesen habe ich so manchen Geschichts- und Politik-Lehrer in den Wahnsinn getrieben.Und in der Sek II deckte ich mich im Rahmen eines Literaturkurses mit Belletristik aus der DDR ein – Strittmatter,Seghers,Heym,Becher,etc…,aber auch die dissidenten oder in den Westen geflohenen/ausgebürgerten AutorInnen (z.B. Havemann, Kirsch, Maron, Loest) wurden behandelt – 20 Titel waren im LK übliches Halbjahrespensum.Ich bin diesem Kursleiter noch heute für diese Schwerpunktsetzung dankbar.
Während der Wende – ich war wieder frisch in West-Berlin ansässig – fiel mir nur noch der Aufbau-Verlag auf,der von einem zu Reichtum gekommenen, bekennenden Champagner-Marxisten später übernommen wurde und ein interessantes Verlagsprogramm offerierte – der LINKS-Verlag war mir direkt zur Wendezeit noch nicht bekannt. Nun ist der Aufbau-Verlag insolvent und der “Che von Kassel” gebärdet sich recht fragwürdig gegenüber seinen Mitarbeitern und Autoren.Sogar das linke Periodikum “Blätter für deutsche und internationale Politik” nimmt den Fall auf:

Bau ab- Bau auf.
Von Albrecht von Lucke
Wolf und Braun, Müller und Hilbig, Hein und Heym – lang ist die Liste der großen Namen, die nach 1945 den Ruhm der DDR-Literatur begründeten. Und lang war die Liste ihrer Verlage. Doch was das Leseland DDR einst auszeichnete, ist heute längst passé. „Mein Volk geht in den Westen“, klagte nach der Wende Volker Braun. Und die Autoren taten es ihren Lesern gleich – und wechselten zu West-Verlagen. Die Folge war das Verschwinden der berühmten ostdeutschen Buchproduzenten. Volk und Welt, einst zweitgrößter belletristischer Verlag der DDR, stellte 2001 die Arbeit ein. Und im Mitteldeutschen Verlag, vor der Wende Hausmedium Günter de Bruyns und Volker Brauns, werden mittlerweile Bildbände produziert.

Nun aber droht mit dem Aufbau-Verlag auch das einstige Flaggschiff der DDR-Literatur unterzugehen. 1945 auf Initiative von Johannes R. Becher gegründet, wurde Aufbau durch die Standardwerke der Deutschen Klassik wie auch der Klassiker der DDR, von Anna Seghers bis Bert Brecht, zum eigentlichen „Staatsverlag der DDR“ (Thomas Mann). Doch im Zuge der Wende kam auch Aufbau unter den Hammer.

Nachdem Bernd F. Lunkewitz, millionenschwerer Immobilienhändler und Ex-Maoist (Spitzname „Che von Kassel“), den Verlag aufgrund unklarer Vermögensverhältnisse gleich zweimal erworben hatte – 1991 von der Treuhand, 1995 vom Kulturbund –, scheint es ihm jetzt nur noch darauf anzukommen, den zeitweiligen intellektuellen Spielball wieder loszuwerden. „Auch das größte Vermögen ist irgendwann aufgezehrt“, ließ Lunkewitz lapidar wissen, nachdem er die Insolvenz seines Verlags bekannt gegeben hatte – ohne seine Angestellten zuvor auch nur in Kenntnis zu setzen. Diese werden nun alles dafür tun, den Verlag doch noch zu retten. Derweil scheint Lunkewitz mit Aufbau getreu dem Honeckerschen Motto verfahren zu wollen: „Aus den Betrieben ist noch viel rauszuholen“ – notfalls auf dem Klagewege. Was zu Anfang wie eine freundliche westliche Übernahme wirkte, entpuppt sich damit letzten Endes doch als eine feindliche. Weiterlesen …

Es soll nicht unerwähnt bleiben,dass die Insolvenz des Aufbau nicht Lunkewitz alleine anzulasten ist.Die bis heute immer noch unklaren Vermögens- und Rechtsverhältnisse tragen eine grosse Mitverantwortung.Der neue deutsche Staat hat die Überführung der DDR-Ökonomie mit der heissen Nadel gestrickt und später seine Agenturen vernachlässigt,da sind so einige erhaltenswerte Projekte unter die Räder gekommen,die einen früher,die anderen später.Der Niedergang des Aufbau-Verlages wäre dann ein spätes Mädchen dieser verschludernden Praxis.Schade!

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